Aufruf der Otto-Strasser-Gruppe vom 4. Juli 1930

Wir hielten und halten den Nationalsozialismus vor allem aber für die große Antithese des internationalen Kapitalismus, der die vom Marxismus geschändete Idee des Sozialismus als der Gemeinwirtschaft einer Nation zugunsten dieser Nation durchführt und jenes System der Herrschaft des Geldes über die Arbeit bricht, das die Entfaltung der völkischen Seele und die Bildung einer wahren Volksgemeinschaft zwangsläufig verhindert.
Für uns bedeutet Sozialismus Bedarfswirtschaft der Nation unter Anteilnahme der Gesamtheit der Schaffenden an Besitz, Leitung und Gewinn der ganzen Wirtschaft dieser Nation, d. h. also unter Brechung des Besitzmonopols des heutigen kapitalistischen Systems und vor allem unter Brechung des Leitungsmonopols, das heute an den Besitztitel gebunden ist. Wir empfanden daher die im Gegensatz zu den 25 Punkten immer verwaschener werdende Formulierung unseres sozialistischen Wollens, die mehrfachen Abschwächungen, die man an den sozialistischen Forderungen des Programms (z. B. an Punkt 17) vornahm, als ein Vergehen gegen Geist und Programm des Nationalsozialismus, wogegen wir seit Jahren die sozialistischen Forderungen kraftvoll betonten.
Wir empfanden und empfinden den Nationalsozialismus demgemäß seiner ganzen Wesenheit nach als ebenso feindlich dem kapitalistischen Bürgertum wie dem internationalen Marxismus und sehen seine Aufgabe in der Überwindung beider, ausgehend davon, dass im Marxismus das an sich richtige Gefühl des Sozialismus gebunden ist an die falsche Lehre des liberalen Mechanismus und Internationalismus und im Bürgertum das an sich richtige Gefühl des Nationalismus gebunden ist an die falsche Lehre des liberalen Rationalismus und Kapitalismus und beide richtigen und wesenhaften Kräfte in dieser unseligen Verbindung unfruchtbar bleiben müssen für Nation und Geschichte. Wir sahen und sehen daher in unserer Gegnerschaft zu Marxismus und Bürgertum keinen Wesenheitsunterschied, da der in beiden wirkende Liberalismus sie gleichmäßig zu unseren Feinden macht. Wir empfanden daher die immer einseitiger gewordene Kampfparole der Leitung der NSDAP "gegen den Marxismus" als eine Halbheit, und in steigendem Maße erfüllte uns die Befürchtung, dass dahinter eine Sympathie für das Bürgertum steckte, das unter der gleichen Parole seine kapitalistischen Interessen vertritt, mit denen wir nichts gemein hatten und nichts gemein haben.
Verstärkt, unterstrichen und sichtbar gemacht wurden diese Befürchtungen grundsätzlicher Natur durch die Befürchtungen über die taktischen Wege, die die Leitung der NSDAP einschlug.
Von jeher hat es uns mit Bedauern und Mißbehagen erfüllt, dass Adolf Hitler, der sich zwar häufig mit fahrenden Kreisen der Unternehmer- und Kapitalistenschaft über die Ziele und Wege des Nationalsozialismus aussprach, aber nie Gelegenheit nahm, mit führenden Kreisen der Arbeiter und Bauern das gleiche zu tun. So empfanden wir das daraus resultierende Gefühl, als ob der Nationalsozialismus jenen Kreisen näher stünde als diesen, als eine schwere Belastung, um so mehr als wir uns sagen mußten, dass die Ehrlichkeit unseres sozialistischen Wollens jede Verständigung mit jenen Kreisen ausschlösse, denen die Wahrung ihrer kapitalistischen Rechte immer noch wichtiger war und ist, als die Durchführung nationaler Ziele, wenn diese Durchführung den Sozialismus zur Voraussetzung hat.

Der nationale Sozialist vom 4. Juli 1930, abgedruckt in: Kühnl, Die NS-Linke, S. 292 - 297.