Dritte Bet Debora Konferenz über Macht und Verantwortung aus der Sicht jüdischer Frauen

Macht und Verantwortung ein spannendes Thema nicht nur aus weiblicher oder weiblich-jüdischer Sicht lockte in diesem Jahr ein eitgefächertes europäisches Publikum zur dritten Bet Deborah-Konferenz europäischer Rabbinerinnen, Politikerinnen in Jüdischen Gemeinden, Aktivistinnen und Gelehrte nach Berlin, neben Teilnehmerinnen aus den USA und auch Israel.

 

Hertha Falkenberg – erste gewählte Frau in der Repräsentantenversammlung

Mit der Einweihung einer Gedenktafel für das Ehepaar Hertha und Hermann Falkenberg, hatte man mit Hertha Falkenberg eine Frau geehrt, die bereits in den 30er Jahren als erste Frau in der damaligen Repräsentantenversammlung und Vorsitzende des Jüdischen Frauenbundes in Berlin den Mangel weiblicher Machtstrukturen in der jüdischen Gemeinde zu Berlin in Worten beschrieb und kritisierte, als seien sie im Jahre 2003 geschrieben. Dies brachte auch Cynthia Kain, Stellvertretende Vorsitzende der aufgelösten Repräsentanten-Versammlung der Gemeinde zu Berlin als Schlusszitat ihrer Rede deutlich zum Ausdruck. Ihre Vorrednerin, Charlotte Knobloch, hatte eine lange, vielleicht etwas zu lange Rede vorbereitet, die subtil den Diskurs zwischen Macht oder auch macht! und Verantwortung als eine gemeindepolitisch aktive Frau und Vizepräsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland vortrug.

Frauen, dass war vielen klar und darüber herrschte Konsens, haben ihre Probleme mit Macht und Machtausübung. Verblüffender Weise auch diese beiden Referentinnen, für viele personifizierte weibliche Repräsentantinnen von Macht und damit öffentlicher und innerjüdischer Kritik ausgesetzt. Ein Zubehör der Macht, mit der es dann zu leben gilt.

Charlotte Knobloch – eine hörenswerte Rede über Macht und Verantwortung

Charlotte Knobloch zog die Zuhörerrinnen und wenigen Zuhörer schnell in ihren Bann, die mit ihrem Verweis, dass Wissensdurst einen von Juden hoch geschätzten Wert darstelle, aus dem heraus Anregung zum Mitdenken und zum eigenen Urteile erwachse, und damit auch zu Macht beiträgt, ohne die wir als Gemeinschaft nicht bestehen könnten.

Im historischen Kontext gesehen, war Macht, die Juden zugeschrieben wurde, mehr ein reines Phantasieprodukt der anderen. Für Juden und für Frauen stellte und stellt sich die Frage nach Macht eher umgekehrt "Wie schaffe ich es, nicht von der Ohnmacht überwältigt zu werden?" Die Shoa war, aus diesem Blickwinkel betrachtet, eine totale Entmachtung von Juden in Europa. Macht entsteht immer nur aus dem Zusammenwirken von Gruppenzusammenhängen und übt zugleich einen fast unwiderstehlichen Sog auf Menschen aus, führte Charlotte Knobloch aus. Aus diesem Blickwinkel betrachtet gehen die meisten gewählten Repräsentanten eher den Weg einer Lösung durch Kompromisse, die ohne leichter erreicht werden können ohne gegen unüberbrückbare Widerstände anzukämpfen, als Lösungen, die nur über Machtkämpfe ausgetragen werden können. Heraus kommen dabei machbare Lösungen, aber nicht die besten und auch keine visionären.

Macht ist ein Geschenk auf Zeit

Einig sah sie sich mit Cynthia Kain, die diesen Punkt in ihrer Rede besonders herausstellte: Gemeindepolitik zu machen, ist für beide ein Schritt, Verantwortung zu übernehmen und nicht Macht auszuüben. Hier spalten sich Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung und es ist ein gewöhnungsbedürftiger Schritt, sich selbst als mit Macht ausgestattete Person zu sehen. Hier liegt sicherlich einer der wesentlichen Unterschiede zwischen der eigenen weiblichen Sicht als gewählte Repräsentantinnen und der von Männern in vergleichbaren Positionen. Mit der Übernahme von Verantwortung sieht Charlotte Knobloch Beharrlichkeit in fortgesetztem Bemühen für die Erreichung selbstgesetzter Ziele als Vorraussetzung zur Ausübung von Macht und Übernahme von Verantwortung. Aus jüdisch-ethischer Sicht gehören Macht und Verantwortung zusammen, denn Macht ohne Verantwortung gerät zu Machtmissbrauch. Den Vorgang, einem Menschen durch Wahl oder auch auf andere Weise Macht zu übertragen, wertete Charlotte Knobloch als eine hoch zu schätzende Geste des Vertrauens und sieht in einer Demokratie daher Macht als ein Geschenk auf Zeit.

Machtinhaberinnen und Machtinhaber

Die Menschen, die wir an der Macht sehen und wie sie uns dort von Medien präsentiert werden, zeigen dort nur zehn Prozent dessen, womit ihre Position ausgefüllt ist. Die restlichen 90 % seien unspektakuläre Arbeit und eher Grabenkampf hinter der Fassade der Macht. Daher riet Charlotte Knobloch zum Ende ihrer mit Beifall bedachten Rede, Frauen sollen und sollten Macht ergreifen, wenn sich die Chance bietet. Und diese Chance bietet sich nicht oft.

Cynthia Kain – Lernen von den Vorgängerinnen

Cynthia Kain bedankte sich bei Charlotte Knobloch, weil sie aus deren Rede so viel gelernt habe, weil sie im Vergleich mit ihr wesentlich unerfahrener sei. Auch sie stellte als Motiv für ihre Aktivitäten Verantwortung übernehmen zu wollen und zu sollen, die sie dies von zu Hause mitbekommen habe, allen anderen voran. Sie verwies auf das Netzwerk jüdischer Frauen, deren Initiatorinnen sie unterstützt habe und in dessen Rahmen sie sich bemühen will, Frauen für ein Engagement in der Gemeindepolitik zu gewinnen und zu unterstützen. Das in Berlin, einstiger Hochburg frauenemanzipatorischer Aktivitäten, nur vier Frauen in der Repräsentanten-Versammlung vertreten sind, ist eine eher erschütternde Feststellung. Eine jüngere Kongress-Besucherin sagte nach der Konferenz in einem persönlichen Gespräch, dass ihre Generation von Frauen fehle und dies sei typisch. Frauenemanzipation mit den Schlagworten von damals sei nicht ansprechend für ihre Generation. Auf meine Frage, ob denn alle Probleme, die in den 70er und 80er ausgesprochen worden wären, nun vom Tisch seien, ließ sie unbeantwortet.

Verantwortung als gelebte Praxis

Cynthia Kain hatte bis zu ihrer gestrigen Rede Macht nicht positiv für sich selbst besetzen können. Sie zog es vor von Verantwortung als gelebte Praxis zu sprechen und sah Macht eher als eine Chance, den eigenen Willen auch gegenüber anderen durchzusetzen, unabhängig davon worauf Macht beruhe. Ein interessanter Aspekt, den sie leider nicht vertiefte. Für sie persönlich stände im Vordergrund, Visionen in die Tat umzusetzen oder zumindest den Versuch zu wagen. Sie erlebe Frauen oft als Einzelkämpferinnen und sie wisse sehr wohl, dass es nicht einfach sein wird, Frauen von der Notwendigkeit gemeindepolitischer Einflussnahme durch Frauen zu überzeugen. Dies hält sie nicht ab, den Versuch – einen notwendigen und historisch überfälligen – zunächst als Einzelkämpferin zu unternehmen.

Dr. Ute Weinmann, Senatsstelle für Wirtschaft, Arbeit und Frauenangelegenheiten

Das Berlin in Politik und Administration mit einem politschen Konzeptes Gender mainstreaming gezielt durchsetzten will und auf welche Weise, stellte. Dr. Ute Weinmann vom Senat von Berlin, Wirtschaft, Arbeit und Frauen-Angelegenheiten in ihrem kurzen Vortrag vor. Es gibt ein Programm für spezifische Schulungen männlicher und weiblicher Top-Führungskräfte Gender Mainstreaming positiv in ihren Unternehmen der nächsten Manager-Ebene zu kommunizieren. Gedacht sei auch an Untersuchungen, wie Freizeitflächen in Berlin nach Gender spezifischen Vorstellungen gestaltet sind, was sie nicht näher ausführte. Ich stelle mit die Fragestellung so vor: Gibt es für Männer teure Fußplätze und für Frauen eine beschmierte und verdreckte Bank auf dem Spielplatz ihrer Kinder?. Die Aufforderung auch in der jüdische Gemeinde zu Berlin Schulungen beim Top-Management und in der Repräsentanz durchzuführen, damit mehr Frauen als bisher dort Macht und Verantwortung übernehmen, wurde mit fröhlicher Zustimmung vom Publikum aufgenommen.

Der kulturelle Rahmen

Im Rahmen der Eröffnung sang Anne-Lisa Nathan Gebete und Lieder und um mich herum summten viele Beterinnen der Synagoge Oranienburgerstraße Berlin mit. Das Stimmvolumen und auch der Klang ihrer Stimme sprach das Publikum unmittelbar an und man fragt sich, warum Anne-Lisa Nathan - vollkommen zu unrecht - so selten zu hören ist. Sie fand mit ihrer Stimme wesentliches und konnte es herstellen: Einklang. Ein Gebet von Bertha von Papenheim, vorgetragen von den beiden Kongress-Initiatorinnen Lara Dämming und Elisa Klapheck, die zurückhaltend und unauffällig den Eröffnungsabend leiteten, und ein gemeinsam gesprochenes Schechianu gaben der Eröffnung einen Rahmen, in dem sich die religiösen wie auch die säkularen Frauen wiederfinden konnten.

Das Programm der Konferenz, die bis einschließlich Sonntag dauert, ist ausgesprochen interessant und unter www.bet-debora.de nachzulesen. Spontane Besucher können eine Tageseintrittskarte am Veranstaltungsort Prenzlauer Allee 227 in Berlin kaufen.

 

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