Über uns
Abriss - von Heinz D. Heisl
Geschrieben von: Matthias Reichelt
Heinz D. Heisl, „Abriss“, Dittrich Verlag, Berlin 2008
Blick zurück im Zorn: Kindheit als Misere
Kindheit und Jugend in der österreichischen Provinz. Nein, nicht um Prosa von Thomas Bernhard oder Franz Innerhofer geht es hier, sondern um Heinz D. Heisl, ein neuer Name, den man sich merken sollte. Ein Mann kehrt zurück an den Ort seiner Kindheit, quartiert sich in einem Hotel ein, um den Abriss des Elternhauses zu überwachen. Abriss, so auch der Titel des Romans, ist die geballte Kritik an einer Familie, einer Generation und eines Landes. Abriss ist die gewalttätige Befreiung von der Last der Geschichte, ohne Aussicht auf Katharsis. Ein Blick zurück im Zorn auf ein Aufwachsen, das der Sohn, das Einzelkind, als große Misere empfand. Vom Vater gehasst, da der glaubte, in seinem Sohn das Ergebnis eines Fehltritts seiner Frau vor sich zu haben, von der Mutter eher links liegen gelassen. Auch wenn der Vater erst auf seinem Totenbett seinem Sohn die Ablehnung offenbarte, gespürt hatte es der Sohn schon immer. Von der Liebe der Mutter ist auch nicht die Rede, die sehnte sich nach einem anderen Leben, traf sich mit Männern zu kurzen Abenteuern und zwang den Sohn zur Lüge. Einzig bei der Großmutter fühlte er sich geborgen und geliebt. Heisl schildert die Kindheits- und Jugendhölle in kleinen Prosastücken, meißelt sie aus seinem Wortschatzmassiv und fixiert Szene für Szene auf Papier. Eine schlimmer und härter als die andere mit ausgefeilten Wortfolgen, die man am besten laut und atemlos liest. Dabei entsteht ein Sog, der einen immer tiefer in den Roman zieht. Denn so furchtbar die geschilderte Atmosphäre, die Kälte aus Hass, Lüge, Sterben und Tod ist, die Sprache ist sehr dicht, berauschend und lässt einen nicht mehr los.
Heisl findet Bilder, die so eindringlich sind, dass der Gestank einem buchstäblich aus den Buchseiten entgegensteigt. Der Traum der lieblosen Eltern, der ewig gleiche Kleinbürgertraum vom eigenen Haus, wird zum steingewordenen Alptraum. Mangels Geld können sie sich wegen der Grundstückspreise ihren Traum nur auf völlig kontaminiertem Gelände erfüllen. Sie stecken den Baugrund auf der stinkenden Müllhalde ab und waten dabei im Dreck. Das ist grotesk und zugleich die Metapher für das Übertünchen, das Verdrängen und Verschweigen. Damit sind sie Teil der österreichischen Kriegsgeneration und ihrer Nachkriegslüge. Sie haben wie ihre deutschen Nachbarn ebenso zugeschaut und mitgemacht, und sich später in ihrer fabrizierten Unschuld ganz dem kleinen verlogenen Glück gewidmet. Das Wirtschaftswunder des deutschen Nachbarstaats bescherte ihnen volle Züge mit Sommerfrischlern als Touristenboom. Sie bauen ihr Leben auf den Leichen im Keller. Die lassen sich aber auf Dauer nicht wegbetonieren. Die Fäulnis kriecht durch alle Mauern. Wo sich manche als Judenretter und Widerständler neu erfinden, bleibt der Vater an diesem Punkt sogar ehrlich und demonstriert seine faschistische Gesinnung ganz offen. Denn er bezeichnet die Nazizeit als seine glücklichste. Er trägt keinen Namen und heißt bei Heisl nur der „Matrosenkappenmann“, denn als Matrose hat er gekämpft auf hoher See und dann auch den Partisanen auf dem Festland das zuteil werden lassen, was das „Hurenpack“ verdient: Aufgehängt zu werden am nächsten Baum. Den Fusinato allerdings, der als Kommunist noch im Dorf lebt, den haben sie nach Bekunden des Matrosenkappenmannes vergessen. Man hätte ihn wie das „Hurenpack“ aufhängen müssen.
Das sind die Geschichten, die der ungeliebte Sohn hört. Nicht nur der Boden ist kontaminiert, sondern die ganze Familie. Die Dreck ist nicht nur unter dem Haus, sondern in den Köpfen. Wenn die Scheiße aus der Sickergrube gepumpt werden muss, wird der Schlauch von hinten durchs Haus, mitten durch die Wohnstube gelegt. Freilich sickert hier und dort etwas aus dem Schlauch und verpestet das ganze Heim. Schon die Geburt im Krankenhaus schildert Heisl bereits als einen Gewaltakt, den Kaiserschnitt bei der Mutter als ein Ausweiden und es ist klar, dass da von Anfang an etwas gewaltig schief läuft. Später erfährt der Sohn, dass seine älteren Geschwister tot auf die Welt kamen und bereits verfault aus dem Mutterleib geschnitten wurden.
Kaum zu glauben, aber Heisl gewinnt dem Sujet des ungeliebten Kindes in einer von Ablehnung, Lüge und Gewalt geprägten Gesellschaft neue Facetten ab. Heisl findet eine überzeugende Form und intensive Sprache, die freilich nicht von allen Juroren, darunter viele Kolleginnen und Kollegen, beim Bachmann-Wettbewerb gewürdigt wurde, wo Heisl 2002 Ausschnitte vorgelesen hatte. Vor seiner Sprachgewalt flüchteten sich einige in geschmäcklerische Posen und übten kleingeistige Kritik. An dem Autor und seinem Text wurde die „Wortsucht“ und das „zuviel an Wortschwaden“ kritisiert, anstatt wie Robert Schindel zu erkennen, dass die Sprache bei Heisl nicht nur Medium ist sondern nachgerade zum Organ wird. Heisl bindet den Klang der Wörter über die reine Information hinaus ein in ein Geräusch des Verfalls, aber mit durchaus grotesken Zügen.
Autor: Matthias Reichelt
Heinz D. Heisl, „Abriss“, Dittrich Verlag, Berlin 2008, 192 S., 19,80 €
